Beispiele für nachhaltiges Bauen: Projekte, Konzepte und was sie zeigen

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Was nachhaltiges Bauen in der Praxis bedeutet, lässt sich am besten an konkreten Gebäuden erklären. Nicht an abstrakten Prinzipien oder Zertifizierungsbroschüren, sondern an Projekten, die tatsächlich gebaut wurden und zeigen, welche Lösungen funktionieren und warum. Deutschland ist in diesem Bereich international gut aufgestellt: Der Holzbauanteil bei DGNB-zertifizierten Projekten hat sich in den vergangenen Jahren mehr als verdoppelt, und die DGNB hat ihr Zertifizierungssystem zuletzt mit der bisher umfassendsten Überarbeitung aktualisiert, inklusive verpflichtender Lebenszyklusanalyse für alle Neubauprojekte.

Dieser Artikel stellt reale Projekte vor, erklärt die Konzepte dahinter und ordnet ein, welche Lösungen für welche Gebäudetypen taugen.

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Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=rART6pdekBY

Was nachhaltiges Bauen in der Praxis ausmacht

Nachhaltig gebaute Gebäude werden in Deutschland nach mehreren Systemen bewertet. Das bekannteste ist das DGNB-System (Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen), das Gebäude in sechs Qualitätsbereichen beurteilt: ökologische, ökonomische, soziokulturelle und funktionale, technische und Prozessqualität sowie Standortqualität. Zertifikate werden in Bronze, Silber, Gold und Platin vergeben.

International sind daneben LEED (USA) und BREEAM (Großbritannien) verbreitet. Für öffentliche Bundesbauten gilt das BNB-System (Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen des Bundes). Was alle Systeme gemeinsam haben: Sie bewerten nicht nur Energieverbrauch, sondern auch Materialwahl, Innenraumluftqualität, Zugänglichkeit und die Rückbaubarkeit am Ende des Gebäudelebens.

Vorzeigeprojekte aus Deutschland

SKAIO Heilbronn: Holzhochhaus in der Innenstadt

Das SKAIO in Heilbronn wurde 2019 fertiggestellt und gilt als eines der ersten Holzwohnhochhäuser Deutschlands. Mit zehn Stockwerken und einer Höhe von rund 34 Metern lag es beim Bau an der Grenze des damals in Baden-Württemberg genehmigungsfähigen Holzbaus. Die Tragstruktur ab dem zweiten Geschoss besteht aus Brettsperrholz (CLT), während Stahlbeton nur dort eingesetzt wurde, wo Brandschutz und Statik es erforderten. Das Ergebnis: ein Wohngebäude mit 60 Wohneinheiten, das unter normalen Innenstadtbedingungen gebaut und betrieben wird und zeigt, dass Holzhochbau kein Nischenthema mehr ist.

Mehrzweckhalle Ingerkingen: Gewinner des Deutschen Nachhaltigkeitspreises Architektur 2025

Die sanierte und erweiterte Mehrzweckhalle in Ingerkingen (Baden-Württemberg) gewann den Deutschen Nachhaltigkeitspreis Architektur 2025. Das Projekt zeigt einen in Deutschland noch selten konsequent umgesetzten Ansatz: Bestand erhalten statt abreißen, regionale Materialien einsetzen, Konstruktion auf Rückbaubarkeit auslegen. Die Jury hob die Kombination aus handwerklicher Qualität, ökologischer Materialwahl und funktionaler Nutzungsflexibilität hervor.

Speicherstadt Hamburg: Klimaneutrale Transformation eines Welterbes

Das Projekt „CO₂-neutrales Welterbe Speicherstadt Hamburg“ gewann den ersten Platz in der Kategorie Forschung sowie den Sonderpreis Klima und den Publikumspreis der DGNB Sustainability Challenge. Es zeigt Wege zur klimaneutralen Transformation eines denkmalgeschützten Stadtquartiers, eines der schwierigsten Felder im nachhaltigen Bauen: Bestand mit Denkmalschutzauflagen energetisch optimieren, ohne die historische Substanz zu beschädigen.

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B-One Berlin Hyp: DGNB Platin und Diamant

Die Unternehmenszentrale der Berlin Hyp, das sogenannte B-One, erhielt nach seiner Eröffnung sowohl das DGNB-Zertifikat in Platin als auch in Diamant, der höchsten Auszeichnung, die das DGNB-System vergeben kann. Das Bürogebäude wurde nach aktuellen Standards für Energieeffizienz, Innenraumqualität, Kreislaufwirtschaft und ökologische Baustoffe geplant und gilt als eines der ambitioniertesten Bürogebäudeprojekte in Deutschland.

ökologische Baustoffe

Timber Earth Slab: Holz-Lehm-Bausystem der TU München

Ein Forschungsprojekt der Technischen Universität München entwickelt ein Bausystem namens „Timber Earth Slab“. Es verbindet die konstruktiven Vorteile von Holz mit den bauphysikalischen Eigenschaften von Lehm, kombiniert mit digitaler Planung und robotischer Fertigung. Das Ziel: eine Deckenplatte für den mehrgeschossigen Holzbau, die ohne synthetische Klebstoffe auskommt und am Ende des Gebäudelebens sortenrein getrennt werden kann. Das Projekt schaffte es bis in die Finalrunde der DGNB Sustainability Challenge und zeigt, wohin die Forschung geht.

Internationale Beispiele: Was andere Länder zeigen

Bosco Verticale, Mailand

Der Bosco Verticale von Architekt Stefano Boeri ist ein Doppelturm mit 80 und 112 Metern Höhe, dessen Balkone rund 900 Bäume, 5.000 Sträucher und 11.000 Stauden tragen. Der Bewuchs schafft Beschattung, filtert Feinstaub und reduziert den Kühlbedarf in den Wohnungen. Seit seiner Fertigstellung ist er zum Referenzprojekt für begrünte Hochhausfassaden geworden und inspiriert Projekte in Amsterdam, Sydney und anderen Städten.

The Edge, Amsterdam

Das Bürogebäude „The Edge“ in Amsterdam gilt als eines der intelligentesten Bürogebäude der Welt. Es wurde mit dem BREEAM-Zertifikat in der Höchstnote „Outstanding“ ausgezeichnet. Das Gebäude erzeugt mehr Energie, als es verbraucht, über eine großflächige Photovoltaikanlage auf Dach und Südfassade. Ein ethernet-basiertes Sensorensystem steuert Beleuchtung, Temperatur und Raumnutzung in jedem einzelnen Arbeitsplatz.

Vauban, Freiburg

Das Stadtquartier Vauban in Freiburg im Breisgau gilt international als eines der bekanntesten Beispiele für nachhaltige Stadtentwicklung. In den 1990er-Jahren auf dem Gelände einer ehemaligen französischen Kaserne entstanden, kombiniert es konsequente Niedrigenergiehäuser und Passivhäuser, autoarme Erschließung, einen hohen Anteil an Photovoltaik und gemeinschaftliche Infrastruktur. Rund 5.500 Menschen leben dort, die meisten ohne eigenes Auto.

 

Innovative Bauweisen
Innovative Bauweisen

 

Materialkonzepte, die in Praxisprojekten funktionieren

Die beschriebenen Projekte zeigen wiederkehrende Materialkonzepte, die in realisierten Bauten funktionieren.

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Materialkonzept Anwendungsbeispiel Vorteil Herausforderung
CLT / Brettsperrholz SKAIO Heilbronn, Woodie Hamburg Schnelle Montage, geringes Gewicht, CO2-Speicherung Brandschutz ab GK4, Schallschutz im Mehrfamilienhaus
Holz-Lehm-Kombination TU München Timber Earth Slab Diffusionsoffen, keine Klebstoffe, vollständig trennbar Noch in der Forschungsphase, nicht serienmäßig verfügbar
Strohballen-Dämmung Strohballenhaus Odenwald Sehr gute Dämmwerte, vollständig kompostierbar Feuchteschutz kritisch, wenige erfahrene Handwerker
Fassadenbegrünung Bosco Verticale Mailand Kühlung, Biodiversität, Feinstaub Hoher Pflegeaufwand, statische Anforderungen
Kreislauforientierter Beton Aktuelle Forschungsprojekte DGNB Sortenreine Trennung am Gebäudeende Noch kein etablierter Marktstandard

Technologien, die den Unterschied machen

Building Information Modeling (BIM)

BIM ist die digitale Planung eines Gebäudes in einem gemeinsamen Datenmodell, das alle Gewerke und alle Planungsphasen integriert. BIM ermöglicht es, Energieflüsse, Materialmengen und Kosten bereits vor dem Bau zu simulieren und zu optimieren. In Deutschland ist BIM bei öffentlichen Bundesbauten verpflichtend. Für private Projekte hat es sich bei größeren Vorhaben als Standard etabliert.

Photovoltaik und Gebäudeenergiesysteme

Gebäude, die mehr Energie erzeugen als sie verbrauchen (Plusenergiehäuser oder Net-Zero-Buildings), sind technisch kein Problem mehr. Sie erfordern eine gut gedämmte Gebäudehülle, eine effiziente Wärmepumpe und eine ausreichend dimensionierte PV-Anlage mit Speicher. The Edge in Amsterdam zeigt, dass das auch bei großflächigen Bürogebäuden funktioniert.

Smart Building und Sensorsteuerung

Intelligente Gebäudeautomation erfasst Belegung, Temperatur, CO2-Gehalt und Lichtverhältnisse in Echtzeit und steuert Heizung, Kühlung und Belüftung entsprechend. Das spart 10 bis 20 Prozent Energieverbrauch gegenüber konventioneller Steuerung, ohne Einschränkungen beim Komfort.

nachhaltige Gebäude
nachhaltige Gebäude

 

Was diese Projekte gemeinsam haben

Bei allen vorgestellten Projekten lassen sich gemeinsame Muster erkennen: Die Materialwahl wird früh in der Planung getroffen und nicht als Nachbesseroption behandelt. Kreislaufwirtschaft, also die Frage, was mit dem Gebäude und seinen Bauteilen am Ende passiert, ist von Anfang an Teil des Konzepts. Und Energieeffizienz entsteht nicht durch ein einzelnes Gadget, sondern durch das Zusammenspiel von Gebäudehülle, Haustechnik und Nutzungsverhalten.

💡 Tipp: Die DGNB führt eine öffentlich zugängliche Datenbank aller zertifizierten Gebäude weltweit. Unter dgnb.de lassen sich Projekte nach Gebäudetyp, Region und Zertifizierungsgrad filtern und inspizieren.

Wer die technischen Grundlagen von Holz als Baustoff vertiefen möchte, findet im Artikel über Holz als Baustoff eine ausführliche Erklärung zu Ingenieurholzprodukten, Brandschutz und Bauweisen. Für den Überblick über Zertifizierungssysteme, Passivhausstandard und Förderprogramme bietet der Artikel über nachhaltige Architektur den breiteren Rahmen.

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grüne Architektur

Zusammenfassung: Reale Vorzeigeprojekte wie das SKAIO in Heilbronn, die Mehrzweckhalle Ingerkingen und das Speicherstadt-Projekt zeigen, was im Bestand und Neubau möglich ist. CLT, Holz-Lehm-Systeme und Fassadenbegrünung sind erprobte Konzepte. DGNB, LEED und BREEAM liefern den Bewertungsrahmen.

Häufige Fragen zu Beispielen für nachhaltiges Bauen

Das DGNB-Zertifikat der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen bewertet Gebäude in sechs Qualitätsbereichen: ökologische, ökonomische, soziokulturelle, technische und Prozessqualität sowie Standortqualität. Zertifikate werden in Bronze, Silber, Gold und Platin vergeben. Die aktuelle Systemversion schreibt eine verpflichtende Lebenszyklusanalyse für alle Neubauprojekte vor. Die DGNB-Datenbank listet alle zertifizierten Gebäude weltweit und ist öffentlich einsehbar.
Das SKAIO ist ein 2019 fertiggestelltes Wohnhochhaus in Heilbronn mit zehn Stockwerken, dessen Tragstruktur ab dem zweiten Geschoss aus Brettsperrholz (CLT) besteht. Es gilt als eines der ersten Holzwohnhochhäuser Deutschlands und zeigt, dass großgeschossiger Holzbau auch unter normalen Innenstadtbedingungen mit konventioneller Baugenehmigung funktioniert.
Ein Plusenergiehaus erzeugt über das Jahr mehr Energie, als es verbraucht, in der Regel durch Photovoltaik auf Dach oder Fassade in Kombination mit einer gut gedämmten Gebäudehülle und einer effizienten Wärmepumpe. Der Überschuss wird ins Netz eingespeist. Das Bürogebäude „The Edge“ in Amsterdam ist ein großes Beispiel: Es erzeugt mehr Strom, als es für Betrieb und Beleuchtung benötigt.
BIM (Building Information Modeling) ist die digitale Planung eines Gebäudes in einem integrierten Datenmodell, das alle Gewerke und Planungsphasen zusammenführt. BIM ermöglicht es, Energieflüsse, Materialmengen, CO2-Bilanzen und Kosten bereits vor dem Bau zu simulieren. In Deutschland ist BIM bei öffentlichen Bundesbauten verpflichtend, bei privaten Großprojekten hat es sich als Standard etabliert.
Ja, und der Bestand ist sogar der wichtigere Hebel. Deutschland hat rund 21 Millionen Wohngebäude, die meisten davon ohne ausreichende Dämmung. Die Mehrzweckhalle Ingerkingen und das Speicherstadt-Projekt zeigen, wie Bestandsgebäude und denkmalgeschützte Quartiere ökologisch transformiert werden können, ohne Abriss und Neubau.