Ein Drachen, der Strom erzeugt: Was vor einigen Jahren noch wie ein Gedankenexperiment klang, ist heute ein aktives Forschungs- und Entwicklungsfeld, an dem Startups, Energiekonzerne und Forschungsinstitute arbeiten. Die sogenannte Flugwindkraft oder Airborne Wind Energy (AWE) könnte eine wichtige Ergänzung zur klassischen Windenergie werden, weil sie Windressourcen erschließt, die herkömmliche Windräder nicht erreichen.
Wie funktioniert ein Energiedrachen?
Das Grundprinzip ist einfach: Ein Lenkdrache, oft aus hochfestem technischem Gewebe, fliegt in großer Höhe Achter- oder Schlaufenbahnen. Dabei spannt er ein Seil, das an einer Bodenstation befestigt ist. Durch die Zugkraft des Drachens dreht sich in der Bodenstation eine Winde, die einen Generator antreibt und Strom erzeugt. Wenn der Drachen die maximale Seillänge erreicht hat, wird er kurz zusammengefaltet und eingeholt, bevor der Zyklus erneut beginnt. Dieser Einholvorgang verbraucht rund 20 Prozent der zuvor erzeugten Energie, der Nettoertrag liegt deutlich darüber.
Der entscheidende Vorteil: Der Drachen fliegt in Höhen von 200 bis 500 Metern, wo der Wind konstanter, stärker und zuverlässiger weht als in den typischen Höhen konventioneller Windräder. Gleichzeitig braucht er keinen massiven Stahlturm, kein aufwändiges Fundament und lässt sich im Container transportieren und aufstellen.
Kitepower und RWE: 170 Testflüge in Irland
Das niederländische Unternehmen Kitepower hat im September 2025 gemeinsam mit dem Energiekonzern RWE den 170. erfolgreichen Testflug seines Hawk-Systems in Bangor Erris, Irland, gemeldet. Der Hawk ist eine 100-kW-Anlage, die für dünn besiedelte Küsten- und Inselregionen konzipiert ist, wo konventionelle Windkraftanlagen schwer zu errichten und zu betreiben sind.
Die Bodenstation ist in einem Container untergebracht, was die Anlage mobil und ohne Fundamente einsetzbar macht. Als nächstes Produkt entwickelt Kitepower den Falcon, ebenfalls eine 100-kW-Anlage, die für 2025 oder 2026 zur Markteinführung vorgesehen ist. Langfristig strebt das Unternehmen 500-kW-Systeme an.

EnerKite: Berliner Startup mit Industriepartnern
Das Berliner Unternehmen EnerKite entwickelt seit Jahren Flugwindkraftanlagen und hat sich das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) sowie Airbus als Partner gesichert. Eine erste Anlage für einen Zulieferer aus der Automobil- und Luftfahrtindustrie soll 2026 in den Demobetrieb gehen. Die Marktreife des Systems ist für 2028 geplant.
EnerKite verfolgt einen etwas anderen technischen Ansatz: Der Flügel fliegt über drei Seile gesteuert in Achten und gibt die Zugkraft an eine Seilwinde in der Bodenstation ab. Das System ist im Format eines 20-Fuß-Standardcontainers kompakt und transportierbar.
Vorteile gegenüber klassischen Windrädern
Die Flugwindkraft hat gegenüber konventionellen Windkraftanlagen strukturelle Vorteile, die den Entwicklungsaufwand rechtfertigen:
- Höhenwind nutzen: In 200 bis 500 Metern Höhe weht der Wind konstanter und stärker als in den typischen Nabenhöhen heutiger Windräder von 130 bis 180 Metern. Das erhöht die Vollaststunden und damit die Wirtschaftlichkeit.
- Kein Turm, kein Fundament: Der größte Kostenblock bei konventionellen Windrädern ist der Stahlturm. Ein Energiedrachen braucht lediglich eine Bodenstation, die in einem Container Platz findet. Das senkt Material- und Logistikkosten erheblich.
- Mobilität: Die Containerform ermöglicht schnellen Transport und Aufstellung an Orten, die für schwere Windräder ungeeignet sind: abgelegene Inseln, Bergregionen, industrielle Standorte mit temporärem Energiebedarf.
- Neue Standorte: Gebiete, die für konventionelle Windräder zu windschwach oder genehmigungsrechtlich schwierig sind, könnten für Flugwindkraftanlagen geeignet sein, weil die Maschinen optisch weniger präsent sind und weniger Fläche beanspruchen.
- Kostenpotenzial: Wenn die Technologie skaliert, werden Stromerzeugungskosten von 1 bis 4 Cent pro kWh angepeilt, was erheblich unter den aktuellen Kosten konventioneller Windkraft liegt. Dieser Wert ist jedoch noch nicht im kommerziellen Betrieb erreicht.
Herausforderungen: Was die Technologie noch lösen muss
Die Flugwindkraft ist trotz aller Fortschritte noch keine ausgereifte Technologie. Die wesentlichen Herausforderungen:
Autonome Steuerung: Der Drachen muss vollautomatisch in der Luft gehalten und auf optimalen Flugbahnen geführt werden. Das erfordert ausgefeilte Regelungssysteme, die auf wechselnde Windverhältnisse in Echtzeit reagieren. Im Testbetrieb hat sich gezeigt, dass die Hauptverschleißpunkte erst im Dauerbetrieb erkennbar werden.
Dauerbetrieb: Einzelne Testflüge funktionieren, aber ein wirtschaftlicher Betrieb erfordert tausende Betriebsstunden ohne nennenswerte Ausfälle. Hier sammeln Unternehmen wie Kitepower und EnerKite gerade die notwendigen Daten.
Luftraumregulierung: Drachen in 200 bis 500 Metern Höhe befinden sich in einem Luftraum, der reguliert ist. Genehmigungen müssen mit Luftfahrtbehörden abgestimmt werden, was den Einsatz in der Nähe von Flughäfen oder Flugrouten einschränkt.
Skalierung: Einzelne 100-kW-Anlagen sind interessant für Inseln und entlegene Standorte. Um einen nennenswerten Beitrag zur Stromversorgung zu leisten, müssen größere Einheiten entwickelt und Schwärme von Drachen koordiniert betrieben werden.
Flugwindkraft im Kontext der Energiewende
Die Flugwindkraft ist kein Ersatz für konventionelle Windkraft, sondern eine Ergänzung. Große Onshore- und Offshore-Windparks bleiben das Rückgrat der Stromerzeugung aus Wind. In Deutschland stammten 2025 rund 56 Prozent des Strommixes aus erneuerbaren Energien (Fraunhofer ISE), Windkraft ist dabei die größte Einzelquelle.
Was die Flugwindkraft leisten kann: Sie erschließt Standorte und Windressourcen, die mit konventionellen Anlagen nicht erreichbar sind. Für abgelegene Regionen, Entwicklungsländer ohne Netzanbindung, Offshore-Anwendungen jenseits der Küste oder industrielle Standorte mit temporärem Hochenergiebedarf ist sie eine interessante Option, sobald sie kommerziell verfügbar ist.
EnerKite-Geschäftsführer Florian Breipohl zieht eine Parallele zur frühen Windkraftgeschichte: „So hat die Windenergie irgendwann auch angefangen. Damals hat niemand geglaubt, dass sich aus dieser Technologie mal ein derart wichtiger Industriezweig entwickelt.“
Mehr zur klassischen Windenergie und den aktuellen Ausbauzahlen steht im Beitrag Erneuerbare Energien. Wer sich für Solarenergie als weiteres Standbein der Energiewende interessiert, findet Informationen im Artikel Solaranlagen: Grüne Energie für das eigene Haus.
Die Flugwindkraft befindet sich 2026 an einem entscheidenden Punkt: Die Technologie funktioniert, erste Industriepartner testen sie im Demobetrieb, und mit RWE hat ein Großkonzern Interesse bekundet. Ob sie den Schritt zur Marktreife schafft, wird in den nächsten zwei bis drei Jahren entschieden.







